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Eine Reise nach Israel – Sicherheitstechnisch ein großes Abenteuer – darauf hatte ich mich eingestellt, aber dann doch irgendwie nicht damit gerechnet. Und vor allem nicht, dass es mich so mitnehmen würde.

Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich mit ein paar meiner Mädels das Wochenende in Frankfurt verbracht habe und kaum schlief. Schon gar nicht in der Nacht vor meiner Abreise. Denn da kam noch hinzu, dass ich an meinem Geburtstag fliegen sollte – um 6 Uhr morgens. Daher blieb uns nichts anderes übrig, als die Nacht durch zu machen, um noch rechtzeitig am Flughafen Basel anzukommen. Denn dort sollte ich laut einer Mail die ein paar Tage zuvor gekommen ist, nicht zwei Stunden sondern aufgrund von Sicherheitschecks drei Stunden vorher eintreffen. Wie man das mit seiner deutschen Tugend bezüglich Pünktlichkeit nun mal macht, sind wir auch früh losgefahren, um rechtzeitig zum Sicherheitscheck da zu sein. Andere wollten sich wohl auch daran halten, nur die Schweizer mit ihrem Flughafen oder die Engländer mit ihrer Airline wollten sich wohl nicht an ihre eigenen Vorgaben halten. Der Check-In machte dennoch erst um 4 Uhr auf. Den schwierigen Sicherheitscheck bestand ich auch mit Bravour. Schließlich konnte ich die Fragen „Ist das Ihr Koffer?“ und „Haben Sie den Koffer selbst gepackt?“ eindeutig mit „ja“ beantworten. Puh – erst Hürde geschafft.

Vom Flug selbst habe ich kaum was mitbekommen, außer dass das Flugzeug wirklich eng war und man die Rückenlehnen nicht verstellen konnte (endlich wollte ich mal keine Rücksicht auf die Person hinter mir nehmen!) und ich nur mit Verrenkungen schlafen konnte. Zum Glück hab ich Pluti extra als Kissen mitgenommen, und neben mir waren Kinder – da konnte man schonmal ein bisschen auf deren Platz rutschen.

Endlich in Tel Aviv gelandet, war ich noch immer völlig verplant. Quasi über 24h ohne wirklichen erholsamen Schlaf hinter mir, schweres Handgepäck und mit hohe Schuhen (aus Gewichts- und Platzgründen mussten die an die Füße) stapfte ich zur Zollkontrolle. Kurz gewartet, Pass vorgelegt und dann ehrlich wie ich bin, erzählt was ich in Israel – und in Palästina – will. Das hat die junge Dame auch alles zur Kenntnis genommen, während sie meinen Pass durchblätterte und die Stempel diverser arabischer Länder betrachtete. Allerdings schien ihr Interesse deutlich auf meinen Besuch bei einem Freund in Hebron zu liegen, bei dem ich die meiste Zeit verbringen wollte. Also Name genannt, vorher ich ihn kenne und wie lange ich plane bei ihm zu bleiben. Alles gemacht – nichts geholfen. Also ab in den Wartebereich für die besonders kritischen Fälle.

Jetzt bekam ich schon ein wenig Angst. Ich hatte schon beim Auswärtigen Amt gelesen, dass es zu Befragungen kommen kann – vor allem wenn man Stempel im Pass hat, die nicht aus Jordanien oder Ägypten sind. Ich hatte einen aus Dubai und Oman und hielt sie eigentlich nicht für sonderlich kritisch. Ich wartete und wartete. Die Türkinnen bekamen relativ schnell ihren Pass zurück. Eine Reisegruppe die scheinbar durch mehrere Länder reisen wollte, hatte wohl auch größere Probleme. Ein Ägypter, wohl Mitarbeiter eines Ministeriums saß auch schon eine Weile dort und ein anderer Araber – wie sich später herausstellen sollte ein Palästinenser mit Israelischem Pass – schien wirklich schon eine Ewigkeit zu warten. Auch ich wartete eine knappe Dreiviertelstunde bis endlich mein Name aufgerufen wurde und ich in ein Hinterzimmer zur Befragung gebracht wurde.

Das Problem waren scheinbar nicht die Stempel, sondern der Besuch in Hebron. Ich musste wieder alles erzählen – diesmal allerdings ausführlicher.  Woher kenne ich ihn, was will ich hier, was studiere ich, welches Semester, wie heißt sein Vater, wann hat er Geburtstag und noch viel mehr. Ich beantwortete ihr alles, gab ihr Telefonnummern und Emailadressen. Wir fanden meinen Freund in der Datenbank, sodass auch sichergestellt werden konnte, dass ich mir keine Person ausgedacht habe. Ich wurde gefragt ob ich meinen Stempel im Pass oder lieber auf einen extra Zettel haben möchte. Extra Zettel bitte – wenn es keine Umstände macht.

Jetzt hab ich es geschafft – dachte ich. Und hoffte, dass der Cousin, der mich abholen sollte noch auf mich wartete. Durch die Zollkontrolle und am Durchgang zur Gepäckabholung Pass mit Zettel und Stempel vorgezeigt. Doch Pustekuchen. Ich solle bitte mein Gepäck holen, es müsse einem Sicherheitscheck unterzogen werden. Jetzt war ich wirklich kurz davor zu explodieren. Haben die nicht gerade schon alles überprüft? Jetzt noch mein Gepäck?? Das wird doch schon standardmäßig überprüft. Ich sollte meinen Koffer holen. Der stand einsam und allein neben dem Gepäckband – jeder hätte ihn mitnehmen können. So gehen sie also mit Koffern von möglichen Kriminellen um? Ich war außer mir. Und dann sollte ich schon wieder warten. Ich glaube die junge Sicherheitsbeamtin sah mir meine Wut förmlich an und brachte mir gleich einen Stuhl – denn Sitzmöglichkeiten gab es auch nicht oder waren besetzt.

Kurz nach mir kam dann auch der Palästinenser, der schon eine Ewigkeit warten musste. Wir wurden in einen Hinterraum bei der Gepäckabholung geführt. Er sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Die machen das oft und immer mit ihm.

In dem Zimmer wurde dann mein Gepäck nochmals durchleuchtet. Ich musste wieder durch einen Metalldetektor gehen und vorher meinen Gürtel abgeben. Es piepte wie schon in Basel nicht und die zweite Frau die mit war bat mich zu warten und ging mit meinem Gürtel weg. Wahrscheinlich um ihn auf irgendwelche Rückstände zu untersuchen… In diesem Moment konnte ich nicht mehr. Zufällige Sprengstofftests an meiner Kamera war ich gewöhnt – aber jetzt auch noch meinen Gürtel verdächtigen? Ich fing an zu weinen. Das war alles zu viel. Die Sicherheitsbeamtin fragte was denn los sei und ich sagte ihr ziemlich boshaft, dass ich seit 24 Stunden nicht geschlafen habe, heute mein Geburtstag ist und ich mich wie eine Schwerstkriminelle fühle. Sie guckte, als wäre ihr das gar nicht so bewusst, dass man sich so aufgrund dieser Sicherheitsprozedur fühlt. Wegen dem Geburtstag schien sie aber irgendwie Mitleid zu haben. Ein „Happy Birthday“ huschte ihr – wie allen anderen Leuten die meinen Pass in der Hand hatten – allerdings nicht über die Lippen (Ich frage mich echt, ob die nicht richtig lesen, oder ob es denen egal ist, dass ich Geburtstag habe. Ich war als Geburtstags-Liebhaberin an diesem Tag aber mächtig enttäuscht).

Mit Tränen im Gesicht nahm ich wieder neben dem Palästinenser Platz. Er tröstete mich und sagte, dass er das jedes Mal mitmachen muss. Er kann in jedes Land einreisen – nie Probleme – nur hier; jedes mal die gleiche Prozedur. Wenigstens er gratulierte mir zum Geburtstag und auf meine Angst, niemand könne mehr da sein um mich abzuholen, sagte er nur, dass er in Jerusalem wohnt und mich erst mal dorthin mitnehmen könne. Wenigstens das war geregelt.

Ich wurde gefragt, ob ich dabei sein möchte, während mein Handgepäck gecheckt wird. Ich sagte ja, und nutze gleich die Gelegenheit wutentbrannt meine hohen Schuhe gegen die Ballerinas aus dem Koffer zu tauschen. In meiner Tasche gab es dann wohl auch noch geheimnisvolle Sachen, die sich aber als Ungefährlich rausstellten. Und wir bekamen beide unseren Pass zurück. Ich schaute gar nicht rein – dummerweise – sondern nahm ihn einfach entgegen.

Der Palästinenser nahm meinen Koffer und ging mit mir raus. Ich glaube dort wollten sie ihn schon wieder aufhalten – aber ich habe nicht verstanden was er mit den Zollbeamten bei der Deklaration redete. Jedenfalls durften wir weitergehen. Und da stand zum Glück noch der Cousin – zweieinhalb Stunden hatte er auch mich gewartet mit meinem Namen in der Hand (was ihm wohl unglaublich peinlich war). Er war mit einem Freund da, der Englisch sprach. Sie sprachen noch kurz mit dem Palästinenser der mich begleitete, nahmen mein Gepäck, besorgten mir noch was zu trinken und wir fuhren Richtung Hebron.

Meine ersten Gedanken in Israel waren: hierher komme ich NIE wieder. Ich besuche alles was ich sehen will, damit ich NIE wieder kommen muss. Bisher hat sich das ein wenig gelegt – vielleicht aber auch, weil ich bisher noch keinem Checkpoint oder Grenzkontrolle wieder begegnet bin.

Die Zettel in meinem Pass schaute ich mir erst zwei Tage später an. Der eine war offensichtlich der Stempel, der andere nur auf Hebräisch und Arabisch. Ich gab ihn meinem Freund und fragte was das sein soll. Eine Vorladung zur Polizei. Am nächsten Tag sollte ich mich in Ramallah vorstellen. Der Vater rief die angegebene Nummer an um nachzufragen ob wir auch nach Hebron können, denn nach Ramallah ist es ein umständlicher Weg. Und außerdem wollte er fragen: warum geben die mir sowas? Erstens warum nur auf Hebräisch und Arabisch und zweitens dürften sie das gar nicht, mich bei der Polizei vorladen. Sie hätte sich an mein Konsulat wenden müssen. Wir erreichten niemanden und so fuhren wir am nächsten Tag erst mal zur Polizei nach Hebron. Dort war man genauso verwundert wie wir über meine Vorladung und es stellte sich sehr bald heraus, dass sie gar nicht für mich war, sondern für einen Muhammad – vermutlich der Palästinenser der mich begleitete. Er hätte sich an diesem Tag bei der Polizei vorstellen sollen. Die Polizei aus Hebron sagte in Ramallah Bescheid. Ob der Zettel mit Absicht oder ausversehen in meinen Pass kam, wer weiß das. Ich hoffe nur, dass der nette Muhammad keine Probleme deswegen bekam…

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