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Grafitti am Eingang zum nahezu ausgestorbenen Markt

Sigmar Gabriel war im März in Hebron unterwegs und postete daraufhin auf Facebook: „Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“ Dieser Post löste viel Entrüstung, aber auch Zustimmung aus.

„Ein Apartheid-Regime“ mag vielleicht übertrieben sein, aber über die wirklichen Zustände in Hebron wurde nicht weiter geredet. Es ging hauptsächlich darum, ob ein deutscher Spitzenpolitiker Israels Siedlungspolitik zu scharf kritisieren darf.

Geschlossene Geschäfte. Geisterstadt.

Ich wollte eh über mein Erlebnis an der innerstädtischen Grenze in Hebron schreiben. Heute muss es sein, gerade weil ich heute morgen von dem neu eröffneten Checkpoint vor dem Hebroner Vorort in dem ich wohne so geschockt war. Eigentlich ist dieses Gebiet Zone A, d.h. sie steht unter Palästinensischer Autorität. Aber wenn hier ein Checkpoint hin soll, kommt hier einer hin. Er ist direkt an der Autobahn (die zu einer nahe gelegenen Siedlung führt und die man zu Fuß überqueren muss um zu den Taxis nach Hebron zu gelangen) und überwacht somit die Zufahrt zur Siedlung.

Israelische Flagge im von Israel kontrollierten Bereich

Die Seiten von Hebron, von denen Sigmar Gabriel sprach, habe ich erst kennengelernt, als ich mit zwei Freunden aus Jerusalem zurück nach Hebron gefahren bin. Wir sind in Jerusalem in einen gepanzerten Bus eingestiegen, der nur für Israelis und Touristen ist. Er fährt in die Siedlungen in der Westbank auf dem Weg nach Hebron und macht auch in der jüdischen Siedlung in Hebron halt. Kurz vor Hebron geht es dann durch eine jüdische Siedlung – sauber und rein ist es dort. Eine ganz andere Welt als Hebron selbst. Ein Soldat, mit dem einer von uns im Gespräch war, musste hier aussteigen, weil er 20 Tage Strafdienst wegen einem Vergehen in dieser Siedlung ableisten muss. Sagt schon viel…

Kurz vor der Haltestelle in der Hebroner Siedlung wird ein orthodoxer Jude plötzlich panisch. Er hat Angst, die paar Meter von der Haltestelle zur Ibrahim Moschee, die auch eine Synagoge ist zu gehen. Wir steigen hier auch aus und gehen die Meter bis zum Checkpoint, der auf die muslimische Seite führt zu Fuß. Die Straßen sind wie leer gefegt. Kaum ein Mensch ist auf den Straßen. Vereinzelt ein paar Soldaten, insbesondere vor der Moschee/Synagoge, die genau auf der Grenze steht. 1000 Soldaten bewachen hier 500 größtenteils militante Siedler. Die Geschäfte der Araber wurden geschlossen. Wohnen dürfen sie hier noch, müssen aber immer durch den Checkpoint und werden kontrolliert – im Gegensatz zu uns Touristen. Auf dem Weg sehen wir eine Tour von Breaking the Silence, die wir eigentlich auch mit machen wollten; aber eine englische findet erst nach meiner Abreise statt.

Kurz nach dem Checkpoint im arabischen Teil Hebrons.

Israelische Flaggen säumen vereinzelt den Weg aus dieser Geisterstadt hinein in das lebhafte arabische Hebron. Hier gehen wir durch einen alten Markt, direkt an der Grenze zum jüdischen Viertel. Touristen lassen sich hier scheinbar kaum blicken. Viele Läden haben gar nicht erst auf, Wechselgeld ist Mangelware. Wahib, bei dem ich hier zu Besuch bin und seine Schwester sind mittlerweile zu uns gestoßen und ein kleiner Junge kommt und erklärt uns ein bisschen das Leben hier neben der jüdischen Siedlung. Der Weg an dem die Läden sind, ist von oben mit Gittern und Tüchern abgehangen, um die Händler und Passanten vor Steinen und Müll der Siedler zu schützen, den sie von oben herunter schmeißen. Er führt uns auf ein Dach, von dem aus man einen Checkpoint auf einem anderen Dach sehen kann. Auf dem Dach auf dem wir stehen ist ein Wassertank mit Einschusslöchern. Nicht der erste, der hier zerstört wurde.


In die Moschee am Ende des Markts kommen wir nicht rein. Es sei gerade Gebetszeit und irgendwie würde das Gebet auch ewig dauern. Mein Freund und seine Schwester werden von israelischen Soldaten beschimpft, weil sie ein Palästina Schal um den Hals tragen. Mit dem würden auch sie nicht in die Moschee kommen. Meine zwei deutschen Freunde und ich können rüber zur Synagoge gehen – als mehr oder weniger Christen kommen wir hier rein, nachdem wir auch angegeben haben, dass wir Christen sind.

In der Synagoge sehen wir den Grund, warum sich die wenigen jüdischen Siedler weigern die größte palästinensische Stadt zu verlassen: Hier soll das Grab Abrahams und seiner Frau Sarah liegen. Abrahams Grab kann man sowohl von der Synagoge als auch von der Moschee aus betrachten. Wir sehen ein paar Juden beten, Soldaten, die auch in der Synagoge aufpassen und Möglichkeiten für tapfere israelische Soldaten zu spenden, die Hebron beschützten und Israel verteidigten.

Wir gehen zurück in den muslimischen Teil. Für Juden ist es unmöglich hier rein zu kommen. Und zu gefährlich. Genauso ist es unmöglich für Palästinenser in israelische Siedlungen zu gelangen, oder nach Jerusalem. Dafür brauchen sie eine Genehmigung und um die zu bekommen, einen triftigen Grund, warum sie nach Jerusalem müssen. Meine zwei Freunde können ganz einfach zurück nach Jerusalem fahren. Diesmal mit dem arabischen Bus. Ich bleibe wieder hier in Hebron, mit seinen kaputten einspurigen Straßen, die nicht ausgebaut werden dürfen, auf denen sich aber trotzdem zwei LKWs nebeneinander quetschen müssen. Mit seinem gefährlichen Autobahnübergang und mit seinen „Taxis“ die schonmal ausgebrannt waren, aber immer noch fahren können… und müssen.

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