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Adolf kommt immer mit, wenn ich reise. Ich habe ihn nie eingeladen, er mich nie gefragt ob er mit darf. Aber er ist dabei. In Europa, aber vor allem im Nahen Osten.  Irgendwann packt ihn immer jemand auf den Tisch.

„Den Adolf, wie findest Du ihn eigentlich?“, das ist so die Standardfrage, die irgendwann kommt. Manchmal ein bisschen später, manchmal gleich, nachdem die ersten persönlichen Dinge geklärt wurden. Wie heißt Du?  Bist Du verheiratet? Wie alt bist Du? Sprichst Du Arabisch? Magst Du den Adolf?

Nein. Adolf mag ich nicht. Aber ich kann ihn aus meinem Leben nicht weg denken. Darf ich auch nicht.

Wahrscheinlich muss ich ihn dabei haben.

Ich hab schon oft über ihn reden müssen. Nicht nur reden. Ich habe erzählen müssen, was der Adolf wirklich gemacht hat. Hier in Ägypten zum Beispiel.

„Der Adolf, der hat doch die ganzen Juden umgebracht, das war doch gut! Oder nicht?“, das ist die Frage, die immer auf mein „Nein“ folgt. „Nein, das war nicht gut. 6 Millionen Menschen, das ist nicht gut. Nicht mal einer ist gut.“ „Aber es waren doch Juden! Guck Dir an was die Juden mit den Palästinensern machen, das sind schreckliche Menschen. Die lügen und betrügen. Der Adolf, der war ein Guter.“

Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Verantwortung, diese Aussagen jedes Mal zu korrigieren. Jedes Mal zu sagen, dass der Adolf kein Guter war. Dass seine Taten und die seiner Gefolgsleute abscheulich waren. Von Konzentrationslagern zu erzählen, Bilder zu zeigen, von Videos zu erzählen, von Nachlässen zu berichten. Zu sagen, dass Juden keine schlechten Menschen sind. Das man Israel als Staat heute gerne auf schärfte kritisieren kann, aber das Juden nicht von Natur aus schlechte Menschen sind. Und jedes Mal klappt es. Ein wenig. Hoffentlich.

Adolf war natürlich auch dabei, als ich in Israel und Palästina war. Israel, das Land, wegen dem alle in der Region den Adolf so mögen.

Erst hatte ich ihn ganz vergessen. Doch dann schaute er mich an. Da in Yad Vashem, blickte er auf mich herunter von der Wand. Ich sah ihn, er sah mich. Und ich dachte: „Na, du auch hier?! Sollte ich mich wundern?“. Ja, und dann gingen wir hindurch, durch diese bedrückende Gedenkstätte. Mit uns diese ganzen israelischen Jugendlichen. Und ich fragte mich, wenn sie mitbekommen, dass ich Deutsche bin, werden sie mich hassen? Wird mir irgendwer Vorwürfe machen? Dabei kann ich doch gar nichts dafür, was der Adolf angerichtet hat. Aber nein, nichts passierte. Niemals passierte etwas dergleichen. Der Adolf, der war halt da. Wurde gelobt und verspottet. Verstehen konnte ich beides nicht.

Einmal, da hat der Adolf es dann doch geschafft. Ich hab wegen ihm geweint. Die Adolf-Sache hat mich in Palästina an meine emotionale Grenze gebracht.

Diesen verallgemeinerten Hasse gegen die Juden konnte ich nie nachvollziehen. Wollte ich auch nicht und will ich auch bis heute nicht. Da weigere ich mich. Aber dort in Palästina bekam ich eine Ahnung. Eine Ahnung, wieso die Palästinenser einfach nur noch bedingungslos und ausnahmslos hassen.

Wenn ein Großteil deiner Verwandten wegen Nichtigkeiten schon im Gefängnis saß oder sitzt, wenn sie gefoltert und geschlagen wurden. Wenn sie erschossen wurden. Wenn deine Rechte missachtet werden, wenn sie deine Bewegungsfreiheit einschränken, wenn sie wahllos Checkpoints eröffnen. Wenn du in die Ferne blickst und Siedlungen siehst, auf einem Stück Land, das eigentlich dir gehört. Wenn sie dich einschließen mit einer meterhohen Mauer. Wenn sie dich zum Menschen zweiter Klasse machen.

Ja, da saßen wir zu dritt. Der Palästinenser, der Adolf und ich. Und ich verstand den Hass. Aber den Adolf triumphieren lassen? Niemals! Und wieder sagte ich: „Der Adolf, der hat 6 Millionen umgebracht und nicht 6.000. Der Adolf, der hat sie auf die unmenschlichste Art und Weise umgebracht und nicht in den Tod gestreichelt, so es mancher zu denken scheint. Der Adolf, der hat unschuldige Menschen getötet. Die Juden, das waren ganz normale Menschen, wie jeder andere.“ „Aber schau, was sie mit uns machen, die Juden.“ Und ich sah es. Und ich sagte, dass das aber nichts mit der jüdischen Religion zu tun hat. Und das man den Holocaust nicht vergleichen kann mit dem Konflikt in Israel und Palästina. Ja, es ist schlimm. Aber ein Vergleich unmöglich. Unangebracht.

Und da saßen wir. Ich hab geweint. Ich verstand ihn. Aber niemals würde ich sagen, dass er recht hat. Niemals.

Ich werde Adolf immer mitnehmen. Und jedem, der mich auf ihn anspricht sagen, was er alles getan hat. Ich werde Bilder zeigen. Ich werde sagen, was für ein Verbrecher er war.

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